Northgard: Ein neuer Stern am Echtzeitstrategie-Himmel

Das Echtzeit-Strategie-Genre sei tot heißt es. All die Fans schlagen sich seit Jahren mit traurigen Spiele-Versuchen herum, die das Genre künstlich neu zu beleben versuchen. Doch das lethargische Warten und Schwelgen in Erinnerungen an Titel wie Age of Empires, Empire Earth, die Siedler oder Anno hat nun ein jähes Ende. Endlich wieder Hoffnung am Bildschirm-Horizont!

Das neue Wunderkind heißt “Northgard” und ist seit 22.02.2017 im Early Access auf Steam verfügbar. Doch für wen lohnt es sich eigentlich und was macht es so besonders? Einfach ruhig weiteratmen und diesen Beitrag lesen…

Das Setting & die Grafik

Wie der Titel schon vermuten lässt, findet das Spielgeschehen zu Zeiten der Wikinger statt. Wir spielen einen von aktuell vier möglichen Clans, die alle mit ganz individuellen Startbedingungen, Boni und Spezialisierungen daher kommen. Die Aufmachung und Grafik des Spiels ist dabei recht einfach, aber sehr liebevoll gestaltet. Wir spielen aus einer festen Vogelperspektive, die nicht drehbar ist sondern lediglich gezoomed werden kann. Doch alle Elemente sind so designed, dass man jederzeit alles sehen kann. Verdeckte Einheiten (z.B. hinter Bäumen oder Gebäuden) werden als leuchtender Umriss angezeigt. Das Interface ist sehr ansprechend und intuitiv gestaltet und die Menüs beschränken sich ganz bewusst auf die wesentlichen Funktionen. In Sachen UX-Design kann sich hier so mancher Gamedesigner noch etwas abschauen. Alle Schaltflächen sind mit prägnanten Tooltips versehen, sodass es jedem Einsteiger und selbst Genre-Neulingen sehr einfach fallen dürfte sich in das Spiel einzufinden.

 

Alle Animationen wirken rund und sind genauso wie die Spielwelt sehr hübsch anzuschauen. Der Jahreszeitenwechsel ist ein wesentlicher Einflussfaktor und verwandelt die kleine Wikinger-Insel regelmäßig in ein winterliches Schnee-Paradies. So wirklich genießen kann man den Winter allerdings nur, wenn man vorher für ausreichend Nahrung und Holz gesorgt hat.

Der Spielstart

Wir befinden uns irgendwo auf einer unentdeckten Insel und beginnen unsere Entdeckungsreise mit einer kleinen Siedlung, bestehend aus einem Gemeindehaus und 4 Dorfbewohnern auf unserem Startgebiet.

Unsere erste Aufgabe ist es zunächst drei wichtige Gebäude zu errichten: Ein Haus zur Erhöhung unserer maximalen Bevölkerungszahl (5 pro Haus), ein Späherlager zur Ausbildung von Spähern und eine Holzfällerhütte, nun ja – zum Ausbilden von Holzfällern (2 pro Hütte). Die Mechanik ist denkbar einfach: Wird ein neues Gebäude platziert, fängt sofort ein freier Dorfbewohner auf dem Gebiet mit dem Bau an. Anschließend kann man den Bewohner dann einem Gebäude mit Rechtsklick zuweisen, was ihn, im Falle des Späherlagers, z.B. zu einem Späher ausbildet. Dorfbewohner ohne Bauauftrag sind automatisch damit beschäftigt Nahrung aus der Umgebung zu sammeln. Um nun neue Gebiete aufzudecken ist es erforderlich ein bis zwei Späher zu entsenden, welche entweder automatisch angrenzende Gebiete aufdecken, oder aber auf unseren Befehl ein bestimmtes Gebiet erkunden. Sobald die Umliegenden Gebiete aufgedeckt wurden, können wir damit beginnen diese zu besiedeln, um somit nicht nur unser Hoheitsgebiet zu erweitern, sondern auch neue Quellen für Ressourcen und schließlich auch neues Bauland zu erschließen.

Die Ressourcen

Zufriedenheit

Bringt neue Dorfbewohner in Euer Gemeindehaus.” – Wird beeinflusst durch die Größe und erwartete Zufriedenheit eures Clans, die Anzahl eurer Hoheitsgebiete, speziellen Einheiten (je nach Clan) und individuellen Clan-Boni, durch Befindlichkeiten der Dorfbewohner (z.B. Hunger, Verletzungen, Kälte, etc.), Gebäudeupgrades und einigen weiteren Einflüssen. Im wesentlichen sorgt eine hohe Zufriedenheit für ein schnelleres Bevölkerungswachstum, während eine neutrale oder gar negative Zufriedenheit eine völlige Stagnation bedeutet. Und ohne Dorfbewohner gibt es schließlich auch niemanden den man zu spezielleren Einheiten ausbilden könnte.

Nahrung

Nahrung ist nötig, um Euren Clan zu ernähren. Deckt euch vor dem Winter mit Nahrung ein. Vermeidet Hunger um jeden Preis.” – Hört drauf was euch die Entwickler hier im Tooltip zu verstehen geben! Ohne Nahrung wird es ganz schnell ganz ungemütlich und das kann im Zweifel das Ende eures Clans bedeuten. Auch das Einnehmen von neuen Gebieten erfordert einen immer höheren Betrag an Nahrungseinheiten. Generiert wird sie wie gesagt von inaktiven Dorfbewohnern, aber auch von Bauern auf fruchtbarem Land in einem Feld, von Fischern in Fischerhütten an Teichen, von Jägern in Jagdhütten, durch das Erforschen von Ruinen mit einem Späher, durch das Töten von Wölfen (nur mit dem Wolfs-Clan), durch aufgeskillte Heiler oder durch den Kauf von Nahrung auf einem Marktplatz bzw. den Import von anderen Spielern über Handelsrouten. Es lohnt sich frühzeitig in die Erschließung von Gebieten mit Nahrungsressourcen zu investieren und die Gebäude zur Erzeugung auszubauen. Silos erzeugen einen zusätzlichen Produktionsbonus und schützen die wertvolle Ressource vor Rattenplagen.

Holz

Holz wird zum Bau von Gebäuden und als Brennholz verwendet, vor allem im Winter.” – Vor allem im WINTER! Und zum Bau von Gebäuden! Beides sehr sehr wichtig. 😉 Holzhütten können auf jedem Gebiet errichtet werden, jedoch gibt es spezielle Holz-Gebiete die einen Produktionsvorteil von +20% mit sich bringen. Handel/Kauf ist natürlich auch eine mögliche Bezugsquelle.

Kröwns

Kröwns werden zum Rekrutieren Eurer Kriegsmeute und für die Gebäudeinstandhaltung verwendet.” – Ohne Geld kein Krieg. Aber auch das Bezahlen bestimmter Upgrades kostet Geld sowie der Einkauf beim heimischen Marktplatz. Falls ihr den Rabe-Clan gewählt habt, könnt ihr neue Gebiete sogar wahlweise mit Kröwns anstatt nur mit Nahrung erwerben.

Stein

Stein kann zur Aufwertung eurer Clangebäude verwendet werden.” – Und das lohnt sich allemal! In der Regel bringt das Upgrade eines Gebäudes deutliche Produktions- oder Kapazitätsboni ein, im Falle von Ausbildungslagern(=Kasernen) wirkt es sich sogar positiv auf die Kriegsmeute aus. Stein ist jedoch rar, dauert etwas länger im Abbau und verbraucht sich vergleichsweise schnell, daher sind neue Stein-Gebiete teilweise hart umkämpft.

Eisen

Eisen wird zum Schmieden mächtiger Waffen und zur Fertigung besseren Werkzeugs verwendet.” – Besseres Werkzeug bedeutet höhere Effizienz unserer Zivilisten und Krieger. Was für Stein-Gebiete gilt, trifft auch auf Eisenvorkommen zu – besser haben als brauchen.

Wissen

In Northgard entdecktes Wissen hilft Euch dabei, den Wissensstand Eures Clans zu erweitern.” – Gemeint ist das Erforschen neuer Fähigkeiten und Entwicklungsboni für eure Gebäude und Einheiten. Wissen wird von spezialisierten Einheiten wie z.B. Meister der Lehren erzeugt, wenn entsprechende Runensteine oder Steinkreise vorhanden sind, aber auch Seefahrer können auf Raubzügen Wissen generieren. Wie im Leben gilt auch hier: Wissen ist Macht (und eine der möglichen Siegbedingungen).

Ruhm

Erhöht Euren Ruhm und werdet König von Northgard!” – Und welcher Wikinger wäre das nicht gerne? Mit steigendem Ruhm erhaltet ihr stufenweise neue Titel, die euch wiederum neue Boni gewähren. Ruhm wird ähnlich wie Wissen von speziellen Einheiten generiert, durch die Anzahl der Hoheitsgebiete und durch besondere Aktionen auf Spezialgebieten erhöht. Wie die Beschreibung schon andeutet ist die Erlangung von Ruhm eine weitere Möglichkeit zu siegen.

Der Spielablauf & Multiplayer

Während wir regelmäßig panisch unsere Wachtumsraten bei Nahrung, Holz und Kröwns beäugen, sind wir zu Beginn des Spiels hauptsächlich mit der Erschließung neuer Gebiete und Ressourcen befasst.

Dabei werden wir in regelmäßigen Abständen, je nach Schwierigkeitsgrad, von den Tieren und Kreaturen der umliegenden Gebiete angegriffen. Was bei Wölfen noch harmlos erscheint, wird bei Draugr aber spätestens bei Walküren sehr unangenehm. Daher ist es ratsam sich so bald wie möglich eine erste kleine Kriegsmeute zuzulegen, bestehend aus ein bis zwei Kriegern, welche die wichtigsten Gebiete verteidigen oder von genanntem Getier befreien kann.

Da unser Hoheitsgebiet und unser Clan stetig wächst, steigt natürlich auch der Bedarf an Ressourcen und der Anspruch der Bevölkerung. Upgrades von Gebäuden und Einheiten machen sich bezahlt und sorgen immer wieder für Engpässe an der ein oder anderen Stelle. Zudem wird es langsam Zeit sich auf eine der möglichen Siegbedingungen zu fokussieren.

Je nach Spezialisierung und Fähigkeiten unseres gewählten Clans macht es Sinn bestimmte Siegbedingungen vorzuziehen: Als Wolfs-Clan sind wir beispielsweise gut beraten auf militärische Stärke zu setzen und uns eine mächtige Kriegsmeute anzulegen mit der wir die Vorherrschaft auf der Karte erlangen können. Im Gegensatz dazu besitzen wir in der Rolle des Hirsch-Clans z.B. viele Ruhm-Vorteile und sollten uns lieber auf ruhmreiche Aktionen konzentrieren. Als Rabe-Clan sind wir als gefuchste Händler auf satte Gewinne aus und als Ziege-Clan überstehen wir auch die schwierigsten Hungerperioden weitgehend unbeschadet. Dabei kommt jeder Clan mit ganz eigenen Forschungsmöglichkeiten und Vorteilen daher, was sich wirklich sehr unterschiedlich spielt.

Der Multiplayer läuft, obwohl er erst am 31.05.2017 von den Entwicklern deployed wurde, sehr flüssig und stabil. Die anfänglichen Memory-Probleme wurden bereits weniger Tage später gefixed – so macht Early Access Spaß! Als Team sieht man (Stand heute) alle entdeckten Gebiete seines Verbündeten, kann angrenzende Gebiete untereinander kostenlos übertragen(mit einem Cooldown von 12 Spielmonaten), gegenseitige Handelsrouten einrichten, sich frei auf den Gebieten des anderen bewegen und natürlich gemeinsam in die Schlacht ziehen. Ansonsten gibt es aktuell neben den Handelsimporten noch keine Möglichkeit Ressourcen untereinander zu transferieren. Auch das Heilen von Einheiten funktioniert nur auf dem eigenen Hoheitsgebiet, nicht auf dem des Teampartners.

Besonders gut gefällt mir außerdem die Möglichkeit zum Ende einer Runde den gesamten Spielverlauf auf einer schematischen Gebietskarte im Zeitraffer noch einmal nachverfolgen zu können. Anhand dessen sieht man gut welche Strategien die Gegner gewählt haben oder welche Gebiete besonder umkämpft waren. Die Siegbedingungen lassen sich individuell an- und abwählen beim Erstellen einer neuen Multiplayer Runde. Das Einladen von Steam-Freunden in eine geschlossene Session funktioniert problemlos und die automatisch generierten Karten sind sehr gut gebalanced.

Fazit und Bewertung

Northgard macht einfach Vieles von Anfang an richtig und wird an den wichtigsten Stellen spürbar sinnvoll weiterentwickelt und verbessert, weshalb für jeden eingefleischten Echtzeitstrategen eigentlich kein Weg an diesem Spiel vorbeiführt. Besonders die einfache, übersichtliche Gestaltung des User Interface und die leicht erlernbare Spielmechanik macht es zu einem hervorragenden Feierabendspiel mit Freunden. Im Gegensatz zu so vielen anderen Early Access Titeln auf Steam wird dem Spieler hier keine halbgare Tech-Demo an den Kopf geknallt nach dem Motto: “Hier friss das, Dein Geld haben wir ja bereits!”, sondern stattdessen ein fast fertiges und tief ausgefeiltes Spiel mit viel Liebe zum Detail und einem stabilen Multiplayer. Die Runden sind jedes Mal aufs Neue spannend, herausfordernd und sehr abwechslungsreich, egal ob alleine gegen die KI oder mit echten Spielern. Die Spielwelt selbst bietet diverse Möglichkeiten sich in unterschiedliche Richtungen auszuprobieren und immer wieder neue Strategien zu testen. Durch das sehr ausbalancierte Clan-System mit den vielen Forschungssträngen und unterschiedlichen Vorteilen macht es sehr viel Spaß zu sehen wer am Ende die Nase vorn hat und im richtigen Moment den richtigen Schachzug gemacht hat. Auch auf älteren PCs läuft das Spiel problemlos, sodass ich es bedenkenlos jedem empfehlen kann, der sich für Aufbaustrategiespiele begeistern kann. Schade nur, dass es vielen Spielern noch so unbekannt ist, aber wie wussten die Wikinger schon: “Kein Baum fällt auf den ersten Hieb!“.

10 von 10 Punkten!

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